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Der 117. Boston Marathon

Eine Reportage des Erlebten durch Mitglieder des LfM-Organisationsteams  

Unser Mitgefühl gilt allen Opfern, Betroffenen und ihren Familien, die aufgrund des Anschlags auf den Boston Marathon ein schreckliches Leid ertragen müssen...                   

 

Boston, 16. April 2013 

Die Reise zum tollsten Marathon der Welt

Es sollte eine ganz besondere Reise werden, natürlich im positiven Sinne gemeint. Wenn man als erfahrener Hobbyläufer auf der Marathondistanz zu Hause ist, muss man den legendären Boston Marathon gelaufen sein, den ältesten Stadtmarathon der Welt.

Der Marathon in Boston hat eine sehr lange und traditionsreiche Geschichte vorzuweisen. Die Idee für einen solchen Ausdauerlauf wurde aus Griechenland „importiert“, nachdem sich der Trainer des olympischen Leichtathletikteams, gleichzeitig Mitglied der Boston Athletic Association („BAA“), und sein finanzstarker Kumpel  vom Marathonwettkampf bei den olympischen Spielen 1896 in Athen begeistern ließen. Sie brachten ihren eigenen Wettkampf mit der Geschichte um den Freiheitskampf der Menschen im Staat Massachusetts in Verbindung und läuteten 1897 mit nur 15 Teilnehmern beim ersten Boston Marathon eine neue Ära ein. Die nun über 120 Jahre alte BAA (www.baa.org) ist bis heute noch Ausrichter des Rennens.

Am 15. April 2013, dem Patriot’s Day Feiertag, stieg die nunmehr 117. Auflage des Traditionsrennens und wir waren dabei. Meines Wissens nach ist der Boston Marathon der einzige, für den man sich als Amateur qualifizieren muss, d.h. dass man bei einem anerkannten Rennen schneller sein muss als eine für die entsprechende Altersklasse vorgegebene Zeit. Mit einer guten Quali-Zeit aus Frankfurt, bekannt für seine flache und schnelle Strecke, bekam ich vor ca. 1 Jahr die ersehnte Zusage aus Boston. Die Entscheidung, mit Julia nach Boston zu reisen und dort zu laufen, fiel uns leicht. Als Mitorganisatoren des Laufs für Mehrsprachigkeit wollten wir uns außerdem noch die Organisation eines solchen Mega-Events vor Ort anschauen.

Lauf für Mehrsprachigkeit trifft Boston Marathon 

Trotz des sehr kalten und regnerischen Wetters an unserem Anreisetag verfielen wir sofort der wunderbaren Atmosphäre in der Stadt. Es ist wahrhaftig DAS Ereignis für Boston und die anderen 7 ausrichtenden Städte und Städtchen, durch welche die Strecke verläuft. Boston im Marathonfieber ist wirklich was besonderes, auch schon Tage vor dem eigentlichen Rennen: überall sind lokale und angereiste Läuferinnen und Läufer unterwegs, an jedem Laternenmast hängen Plakate, die Marathonmesse und das Aufgebot an freiwilligen Helfern ist gigantisch, in den Hotels und Restaurants wird man als Teilnehmer schnell erkannt und mit besonderer Wärme und Hochachtung behandelt. Julia und ich genossen die Zeit und die Atmosphäre, machten ein Trainingsläufchen im Hafengebiet und eine Radausfahrt nach Cambridge, mit Harvard University und MIT das Hochschulmekka schlechthin. Auf der Marathonmesse haben wir den Versuch unternommen, den Lauf für Mehrsprachigkeit ein wenig ins Rampenlicht zu rücken.

Das Lauferlebnis einer besonderen Art

Am Montag, dem Tag des Wettkampfs, ging die Sonne schon sehr früh auf und es versprach, ein wunderschöner Marathontag zu werden. Ich bewunderte die absolut perfekte Organisation einer solchen riesigen Veranstaltung. Über 27.000 Teilnehmer mussten aus der Innenstadt von Boston zum Start nach Hopkinton gebracht werden. Dafür wurden über 500 gelbe Schulbusse geordert. Jeder von uns hatte in einem der Busse einen Sitzplatz, niemand musste stehen. Das Athletendorf begrüßte die Läufer mit Musik, Bagels, Kaffee, Tee, Wasser und anderen guten Dingen zum Frühstück. Mehrere Massagezelte boten ihren kostenlosen Service an (und das vor dem Lauf!!) und es musste niemand länger als 5 Minuten vor einem Dixi-Klo warten, weil diese in ausreichender Anzahl zur Verfügung standen, auch wenn manche ambitionierte Hydration-Fanatiker die einstündige Busfahrt mit voller Blase nicht ausgehalten haben und die in den Bussen vorhandenen Eimer als Ausweichtoilette benutzen mussten.

Auch die Einreihung in die Startwellen und die sogenannten Start-Corrals war einwandfrei. Da ich in der ersten Welle bereits um 10 Uhr starten sollte, stand ich pünktlich in meinem Startbereich, tauschte mich mit meinen Nachbarn aus und stellte mich auf das bevorstehende Rennen ein. Nachdem die amerikanische Nationalhymne gespielt und die Topläufer vorgestellt wurden, ertönte pünktlich um 10 Uhr der Startschuss, der uns auf die 26.2 Meilen lange Reise nach Boston schickte.

Kurz vor dem Start

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Als Frankfurter Stadtmensch bin ich eher flache Strecken gewohnt und mir war es etwas bange, denn die Strecke nach Boston ist alles andere als flach. Zwar verliert man vom Start in Hopkinton bis ins Ziel auf der Boylston Street im Herzen von Boston insgesamt an Höhe, das ständige auf und ab der Strecke und der damit verbundene Rhythmuswechsel führt jedoch zu einer schnelleren Ermüdung, die sich am Ende rächen kann (zumindest war es bei mir so). Zum Glück wird man bei diesem Lauf oft genug von Schmerzen und Müdigkeit abgelenkt. Die Zuschauer stehen einfach überall und feuern das Läuferfeld von vorne bis hinten mit Herzlichkeit und lautem Schreien, Brüllen und Tosen an. Man hat als Läufer das unglaubliche Gefühl, dass jeder einzelne Einwohner von Massachusetts draußen an der Strecke steht und die Läuferinnen und Läufer antreibt. Ja, es ist ihr Fest, das sie hier den Teilnehmern schenken – bis dahin an diesem Tage – ein wunderschönes.

„Looking strong, runners!" ; „Way to go!“; „Keep it up, brother!” sind einige der Ermunterungen, die man ständig auf dem Weg hört. Nach ungefähr der Hälfte der Strecke, zwischen KM 20 und 21, läuft man durch Wellesley, am College für Mädchen vorbei. Es ist schwer zu beschreiben, was hier los ist: Tausende von Studentinnen säumen die Strecke und schreien ihre Hälse heraus. Sie halten die „Kiss me“ Schilder in die Höhe, lassen sich abklatschen und umarmen und geben dem einen oder anderen Läufer einen Heiratsantrag mit auf den Weg! Man wird hier automatisch schneller, der Lauf wird aufrechter und die Müdigkeit tritt zumindest vorübergehend in den Hintergrund. Auf den sogenannten Newton Hills, den längeren Anstiegen zwischen KM 26 und 34, holt sie mich aber wieder ein. Läuferisch spüre ich seit längerer Zeit, dass heute nicht mein Tag ist. Kaum geschlafen, mit Rückenschmerzen aufgestanden, bin ich jetzt schon total KO und diese nur wenig steilen und ungefährlichen Hügel machen mir zu schaffen. Auch hier lasse ich mich von den Tausenden Zuschauern nach vorne treiben, die insbesondere beim letzten der Hügel, dem allgemein gefürchteten Heartbreak Hill, in einem engen Tunnel stehen und einen einfach nur von Meter zu Meter weiter Richtung Boston schreiend puschen. Ich danke ihnen allen für ihre Energie und schalte von physisch auf mental um, damit ich die letzten 5 Meilen in Würde überstehe. Ich denke an Julia, die im Ziel gespannt auf mich wartet;  ich denke an unsere Kinder Leo, Mila und Felix, die in Frankfurt sind und an den Papa glauben; ich denke an meinen Vater und meinen Bruder, die fasziniert sind von meinem Hobby. Ich denke aber auch über den Lauf für Mehrsprachigkeit nach und möchte als stolzer Mitorganisator auf keinen Fall vor dem Ziel anhalten oder gar stehen bleiben, um Freunde und Unterstützer nicht zu enttäuschen. Ich blende die Schmerzen aus, laufe weiter und versuche, mein Tempo zu halten. Bis ca. 2,5km vor dem Ziel glaube ich sogar noch, unter 3 Stunden laufen zu können. Doch der Finish-Kick kommt nicht mehr, die Beine weigern sich, Wünsche aus dem Gehirn anzunehmen, sie gehorchen lediglich dem Hauptbefehl, mich bis hinter die Ziellinie zu bringen.

Auf der langen Zielgeraden der Boylston Street, der Straße, die in weniger als 2 Stunden zum Ort eines grausamen Verbrechens wird, schaue ich noch nach links und nach rechts, um meine Julia in der Menge zu erspähen. Aber keine Chance – der Zieltunnel ist einfach nur rappelvoll und ein riesiges Stimmungsnest, die Kulisse ist absolut unglaublich. Die Zuschauer feiern hier die Läufer und diese bedanken sich genauso laut bei den Zuschauern. Die ganze Stadt feiert den Marathon und verdienterweise auch sich selbst. Das Rennen, mein erster Boston Marathon, geht für mich zu Ende.

Von Euphorie und Glück zu Schock und Trauer

Nach dem euphorischen Zieleinlauf kurz nach 13 Uhr gehe ich nun etwas humpelnd weiter, bekomme was zu trinken, was zu essen, meine Medaille um den Hals gehängt und meine Umziehsachen zurück. Aber vor allem bekomme ich sehr viele freundliche Lächeln und Gratulationen von den freiwilligen Helfern. Auch an dieser Stelle ist die perfekte Organisation zu spüren. Auf der Parallelstraße zur Zielgeraden ist der Familientreffpunkt eingerichtet und ich umarme endlich meine Frau, die sich sichtlich für mich freut und sogar bereit ist, mich zu tragen.

Nach dem Zieleinlauf, noch ca. 50 Minuten bis zum Anschlag

Ich ziehe mich um und wir entscheiden uns, den Zielbereich Richtung Hotel zu verlassen, um bei uns in der Nähe essen zu gehen. Da ich nicht mehr „normal“ gehen kann, kommen wir nur langsam voran. Dies hat aber den Vorteil, dass wir uns die Erlebnisse des Vormittags ausführlich schildern können. Wir witzeln und lachen miteinander und sind froh, einander wieder zu haben. In der U-Bahn sind die Läufer leicht zu erkennen, entweder an ihren Medaillen, am Humpeln oder an beidem. Von allen Seiten bekomme ich Glückwünsche und ich nehme sie dankend an. Wir ahnen nicht, dass gerade um diese Zeit, als wir noch im Zug sitzen, zwei Explosionen im Zielbereich detonieren, Menschen in den Tod reißen oder schwer verletzen. Erst kurze Zeit später als wir bereits in einem Cafe sitzen, werden wir von einer Läufergruppe auf den Anschlag angesprochen. Die Einzelheiten erfahren wir dann aus dem Fernsehen im Hotel.

Mein erster Gedanke ist, dass wir richtig Glück gehabt haben, und zwar in vielerlei Hinsicht. Ich hätte ja langsamer sein können, weil es mir nicht so gut ging... Oder wir hätten im Zielbereich bleiben können, um anzufeuern und später dort etwas zu essen... Wir sind nun erschüttert und traurig. Der erst kürzlich mit Stolz absolvierte Wettkampf verliert komplett an Bedeutung. Bevor das Mobilfunknetz zusammenbricht bzw. von den Sicherheitsbehörden gekappt wird schaffen wir noch einige Anrufe und SMS von Freunden und Verwandten zu beantworten. Unsere Kinder erreichen wir jetzt nur noch über WhatsApp oder Facebook – das WLAN im Hotel funktioniert glücklicherweise. Die Fernsehbilder sind für Julia und mich herzzerreißend. Am Abend wissen wir, dass 3 Menschen, darunter ein Kind, ihr Leben verloren haben und weit über 100 zum Teil sehr schwer verletzt sind. Es ist sehr tragisch und traurig. Der Marathon selbst ist kurz nach den Explosionen gestoppt worden – Tausende Leute können den Lauf nicht mehr beenden. Das gab es noch nie. Wir können nicht einschlafen und gehen noch raus, um eine Runde um den Block zu drehen. Wir sehen überall Polizei, die Sirenen ihrer Fahrzeuge sind unüberhörbar. Der Stadtteil ist fast komplett leer und bis auf die Sirenen ist es wirklich ruhig. Wieder im Hotel schauen wir kurz fern, es gibt aber noch keine neuen Informationen aus den Ermittlungskreisen. Mehr als 1000 Ermittler von 30 unterschiedlichen Agencies werden bei dem Fall eingesetzt. Sie suchen den Tatort nach Hinweisen ab, werten Bild- und Videomaterial aus und sprechen mit Augenzeugen. Die Schreckensbilder von den Explosionen und allem, was danach folgte, werden immer wieder ausgestrahlt.

Wir schalten das TV aus und versuchen zu schlafen. Das gelingt aber nur bedingt, da unsere Telefone regelmäßig läuten oder piepsen. Freunde, Verwandte, Bekannte und Kollegen in den USA, Kanada, Deutschland, Russland und der Ukraine sind entweder hellwach oder wachen almählich auf und wollen wissen, wie es uns geht. Die Facebook Chatfunktion wird intensivst genutzt. Mitten in der Nacht poste ich einen „Status Update“ in meine FB Chronik, etwas was ich sonst nie mache. Aber ich halte es in dem Moment für das Richtige. Der Text unseres Updates ist recht bald in einer Regionalzeitung zu lesen, ohne dass wir es wissen. Die deutsche Presse wacht nämlich auch auf und es klingelt oder piepst bei uns in kurzen Abständen wieder. Man hat mich als einen Läufer aus Frankfurt identifiziert und sich unsere Mobilrufnummern verschafft. Julia und ich besprechen uns kurz und entscheiden, dass es das Richtige ist, die Fragen der Journalisten zu beantworten, um den Geist der Veranstaltung aus unserer Sicht in den Vordergrund zu stellen. Zu den Anschlägen selbst können wir ja sowieso nur das sagen, was wir im TV gesehen haben. Über 3 Stunden lang werden wir von unterschiedlichen regionalen Zeitungen, Radio- und Fernsehstationen aus dem Rhein-Main-Gebiet zu den Ereignissen und unserer Gefühlslage befragt. Je mehr ich rede, desto überzeugter bin ich, dass der Boston Marathon eine wundervolle, exzellent organisierte und vor allem legendäre Sportveranstaltung ist und bleiben wird. Und die Menschen, die sie jedes Jahr auf die Beine stellen und begleiten, können stolz auf sich sein. Dieses Sportfest wird es trotz des Anschlags noch sehr viele Jahre geben. Auch die Frage, ob ich selbst in Zukunft noch weitere Marathons laufen werde, kann ich ohne Zögern mit „Ja“ beantworten. Nur eins geht uns nicht in die Köpfe: Die Frage nach „Warum“ bleibt heute und wahrscheinlich auch noch später unbeantwortet…

Am 17. April, kurz vor 6 Uhr, sind wir körperlich unversehrt in Frankfurt angekommen und eilen nun nach Hause, um unsere Kinder zu sehen.

 

Von Alexei Zabudkin



Weitere Informationen erfragen Sie bitte bei  |  julia.zabudkin@nezabudka.de